Ist Angst normal oder nicht?
Jedes Gefühl gehört zu unserer Natur und ist normal. Angst ist ebenso ein normales Gefühl wie Freude oder Trauer. Im Alltag können ganz unterschiedliche Situationen und Ereignisse, die uns betreffen, Anlass zur Sorge geben. In vielen Situationen ist Angst ganz natürlich, etwa während Prüfungen, bei finanziellen Belastungen, vor einem Neuanfang oder bei gesundheitlichen Problemen.
Angst in einem üblichen Ausmaß ist notwendig und schützt uns. Was bedeutet das?
Angst hilft uns, angesichts alltäglicher Probleme sowie innerer und äußerer Einflüsse die Integrität unseres Selbst und unser inneres Gleichgewicht zu bewahren.
Wann wird Angst zu einer „Störung“?
Wenn es sich nicht um die oben beschriebene notwendige Angst in einem normalen Ausmaß handelt, sondern um anhaltende, übermäßige und der jeweiligen Situation nicht angemessene Sorgen, kommt der Begriff Angststörung ins Spiel.
Was ist eine generalisierte Angststörung?
Es gibt zahlreiche Unterformen von Angststörungen, zu den häufigsten gehört jedoch die generalisierte Angststörung. Bei der generalisierten Angststörung bestehen nahezu täglich anhaltende Sorgen und Befürchtungen. Diese Sorgen verlaufen chronisch mit zeitweisen Verschlechterungen und verursachen Beschwerden, die die Lebensqualität deutlich beeinträchtigen. Für die Diagnose einer generalisierten Angststörung müssen die Beschwerden seit mindestens 6 Monaten bestehen.
Wie häufig ist die generalisierte Angststörung?
Im Laufe ihres Lebens entwickeln durchschnittlich fünf von hundert Menschen eine generalisierte Angststörung.
Bei wem tritt die generalisierte Angststörung häufiger auf?
Frauen sind häufiger betroffen als Männer. Die Erkrankung beginnt häufig vor dem 20. Lebensjahr. Sie kann häufiger bei Menschen auftreten, die bereits eine andere psychische Erkrankung haben, zusätzlich Alkohol oder andere Substanzen konsumieren, psychische Erkrankungen in der Familie aufweisen, starken Belastungen in ihrem Umfeld ausgesetzt sind oder zusätzlich eine Persönlichkeitsstörung haben.
Welche Symptome hat eine Angststörung?
Betroffene erleben nahezu täglich übermäßige Angst, Sorgen und Befürchtungen in Bezug auf viele verschiedene Ereignisse.
Sie können sich von diesen Sorgen und Befürchtungen nicht lösen, selbst wenn sie es möchten. Es treten Unruhe, übermäßige Aufregung, Besorgnis, leichte Ermüdbarkeit, Konzentrationsschwierigkeiten, Reizbarkeit, das Gefühl, ständig auf dem Sprung zu sein, rasches Verärgertsein, Muskelverspannungen und Schlafprobleme auf. Diese Beschwerden beeinträchtigen die Betroffenen in wichtigen Lebensbereichen.
Was verursacht eine Angststörung?
Wie viele psychische Erkrankungen lässt sich auch die generalisierte Angststörung nicht durch eine einzige Ursache erklären. Sie entsteht offenbar durch das Zusammenspiel biologischer und psychosozialer Faktoren. Sowohl Familien- als auch Zwillingsstudien weisen auf eine genetische Grundlage der Erkrankung hin, die sie jedoch nicht vollständig erklärt. Bei Menschen mit generalisierter Angststörung wurden mithilfe bildgebender Verfahren wie PET und fMRT auch Auffälligkeiten im Volumen und Stoffwechsel bestimmter Hirnregionen beobachtet.
Aus psychodynamischer Sicht stellt Angst ein Symptom dar, das zutage tritt, wenn die zur Bewältigung unbewusster Konflikte eingesetzten Abwehrmechanismen nicht ausreichen.
Auch im Rahmen des kognitiven Modells wurde mit verschiedenen Theorien versucht, die generalisierte Angststörung zu erklären. Im Allgemeinen empfinden Menschen mit einer Angststörung Ungewissheit als bedrohlich und gefährlich.
Kann eine Angststörung behandelt werden?
Ja, Angststörungen sind behandelbar. Um das am besten geeignete Vorgehen und die passende Behandlungsform für die jeweilige Person zu bestimmen, ist zunächst eine ausführliche Untersuchung durch eine Fachperson für psychische Gesundheit erforderlich. Dabei muss geklärt werden, ob der Angststörung eine andere psychische oder körperliche Erkrankung oder eine Störung durch Alkohol- oder Substanzkonsum zugrunde liegt.
Wie wird eine Angststörung behandelt?
Neben verschiedenen psychotherapeutischen Verfahren und medikamentösen Behandlungen werden in den letzten Jahren bei Angststörungen, die mit depressiven Symptomen einhergehen, auch nichtinvasive Verfahren wie die TMS (transkranielle Magnetstimulation) eingesetzt.
Bei den Medikamenten kommen häufig Antidepressiva und kurzzeitig Anxiolytika zum Einsatz. Unter den psychotherapeutischen Verfahren wird insbesondere in der kognitiven Verhaltenstherapie durch Psychoedukation Wissen über die Angststörung vermittelt und an den Kernsymptomen der Angst, kognitiven Verzerrungen, automatischen Gedanken, vermittelnden Annahmen und Grundüberzeugungen der Person gearbeitet.
Weitere häufig eingesetzte Verfahren sind die dialektisch-behaviorale Therapie, die Schematherapie und psychodynamisch orientierte Psychotherapien.
Welche Behandlungsoption oder Kombination gewählt wird, sollte ein Facharzt individuell für den jeweiligen Patienten festlegen.
Wie lange dauert die Behandlung einer Angststörung?
Die Behandlungsdauer kann je nach Person und Krankheitsverlauf variieren, beträgt im Durchschnitt jedoch mindestens 6 Monate. Dieser Zeitraum kann sich je nach Krankheitsgeschichte und danach, ob ausschließlich Medikamente eingesetzt werden oder zusätzlich eine Psychotherapie erfolgt, verkürzen oder verlängern.
Entscheidend ist dabei, alle wissenschaftlich belegten Behandlungsmethoden zu berücksichtigen und mit der niedrigsten wirksamen Medikamentendosis und möglichst wenigen Medikamenten zu behandeln.
Kann eine Angststörung erneut auftreten?
Ja, sie kann erneut auftreten. Leider kommt es häufiger zu Rückfällen, wenn ausschließlich Medikamente eingesetzt werden. Um das Rückfallrisiko zu verringern, muss die Behandlung unbedingt durch eine Psychotherapie ergänzt werden.
Was ist der Unterschied zwischen einer Angststörung und einer Panikattacke?
Bei einer Angststörung treten Angst, Sorgen, Befürchtungen und begleitende Symptome in einer umfassenderen und chronischen Form auf. Eine Panikattacke hingegen tritt plötzlich und unerwartet auf, dauert in der Regel einige Minuten und endet von selbst, auch wenn die betroffene Person nichts unternimmt (das ist der entscheidende Punkt). Anders als bei einer Angststörung treten während einer Panikattacke zudem Symptome wie Todesangst, das Gefühl, einen Herzinfarkt zu erleiden, Schwindel, Brustschmerzen, Hitzewallungen, Frösteln und Magenbeschwerden auf, die nach kurzer Zeit zusammen mit der Attacke abklingen.